Archive for the ‘Konzerte’ Category

One Fine Day, 18.10.2007, Orange Club (Kiel)

Friday, October 19th, 2007

erschienen bei kiel4kiel.de:

Sex, Drugs & Rock’n'Roll

Ihr habt es sicherlich alle gehört: One Fine Day sind jetzt Hamburg! Dennoch: Den Tourauftakt für das zweite “Leg” ihrer “Damn Right”-Tour, welches die Ex-Kieler bis Ende Oktober durch ganz Deutschland führt, feiern die Punkrocker an alter Wirkungsstätte. Die Fans zieht es am Donnerstag trotz des Umzugs an die Elbe in Scharen in den Orange Club, um dem Rock’n'Roll zu frönen - oder dem, was sie dafür halten.

Die erste Hürde zum “Let There Be Rock” gibt es allerdings bereits beim Einlass: Eine meterlange Schlange trennt mich noch vom warmen Orange Club. Damit mich die Kälte nicht einholt, lenke ich mich zunächst damit ab, die Emo-Frisuren zu zählen. Sechzehn, siebzehn. achtzehn… da wird der Spaß abrupt unterbrochen vom netten Security-Mann: “Wer ist hier alles unter 16? Jetzt mal ganz ehrlich!” Ja, auch das Mitschleppen eines Erziehungsberechtigten ist nunmal Rock’n'Roll, und wer sich nicht an diesen Lifestyle hält, hat in der Trauma heute nunmal nichts verloren.

Kurz bevor ich mich dazu durchringen kann, dieser Maßnahme durch Applaudieren meine vollständige Solidarität auszusprechen, eröffnet sich bereits ein spannenderes Szenario: Eine Dreier-Combo fünfzehnjähriger Mädels möchte partout nicht den Tourauftakt und das vermutlich erste Rockkonzert ihres Lebens verpassen. Also wird der nette Securitymann belatscht, der sich - weil er eben ein netter Securitymann ist - darauf einlässt, am Handy die Eltern der Kids zu briefen: “Also das Konzert geht etwa bis 24 Uhr, so ist es auf jeden Fall eingeplant, plus/minus zehn Minuten. Sie können ihre Tochter dann im Eingangsbereich des Restaurants abholen.” Nach mahnenden Worten mit erhobenem Zeigefinger geleitet er die drei Mädels nun doch in den Club und spielt nun rund vier Stunden lang Baby- oder besser gesagt Rock’n'Roll-Sitter. Ich freu mich für die Kids, denn ich meine: Was ist mehr Rock’n'Roll, als eine Rock’n'Roll-Regel zu brechen, aber quasi durchs Hintertürchen (auch wenn es in diesem Fall der Haupteingang ist) doch noch Rock’n'Roll zelebrieren zu können? Eben!

Irgendwann bin ich dann auch endlich drin, schnappe mir eine Rock’n'Roll-Bionade vom Tresen und beobachte zwei junge Damen mit Kirsch-Ballerinas und schwarzen Haaren, die gerade vom üppig gefüllten Merchandise-Stand zurückkommen. In ihren Händen tragen sie stolz die neuen Tourshirts von One Fine Day, die dann auch sofort übergezogen werden müssen. Da ich die beiden Mädels nun überhaupt nicht mehr voneinander unterscheiden kann, schau ich mich weiter um: Das Durchschnittsalter beträgt vermutlich - mich eingeschlossen - 17 Jahre, und mittlerweile tragen schon 20 Leute dieses vermaledeite Tourshirt. Aber bevor ich in - gar nicht rock’n'roll-esque - Midlife-Depressionen verfallen kann, geht es endlich auf der Bühne los.

Amplify - so heißt die erste Band, die aus Hamburg kommt und auch sonst alle benötigten Klischees erfüllt: Ein Sänger, oder besser gesagt Shouter, mit Emoscheitel und Strähnchen, ein Bassist mit blaugrünen Haaren und einem wirren Look, als hätte er bunte Pillen eingeschmissen, ein Green Day T-Shirt - dies sind meine ersten Eindrücke. Dazu diese typische Melange aus Punkrock, leichten Emo-Elementen und diesem neumodischen NuMetal-Wumms, der vermutlich nur dazu da ist, damit der vierte Kumpel auch noch mitspielen kann. Mitsingen darf man bei den englischen und zuweilen auch deutschen Texten natürlich auch immer wieder gerne, zudem gibt es crazy Sprunge der drei Frontmänner auf der Bühne, immer wenn die Breaks in den Instrumentalparts nur so danach schreien. Und das Publikum? Es hält natürlich einen Respektsabstand und versammelt sich hinter der Grenze zur Tanzfläche, als würde man auf den Startschuss fürs Sackhüpfen warten. Vorbands sollte man auch nicht zu sehr unterstützen, stimmt schon.

Als zweite Band dann die Kieler wax.on wax.off, der - ich gebe es hiermit zu - eigentliche Grund für mich, den Orange Club zu beehren. Das Trio spielt dann auch am ehesten das, was die Ramones damals als Punkrock ausgemacht hatten. Textlich und auch musikalisch erinnert die Band um Frontklops Thorsten “Johnny Hotrod” Rott am ehesten an die Nerdpunks der hierzulande leider kaum bekannten Nerf Herder, und so verwundert es nicht weiter, dass ihr Album “A Lecture on Geek Mythology” bislang nur in den USA ein Abnehmerlabel gefunden hat. Trotz alledem wirken wax.on wax.off in ihren Ansagen und mit ihrem Dialekt typisch norddeutsch und können die junge Meute schon ein kleines bisschen mehr begeistern - auch wenn sie nicht in das typische Emopunkrock-Raster fallen. Das Trio zaubert auf jeden Fall mehr als alles andere den Rock’n'Roll in den Orange Club.

In exakt dem Augenblick, in dem wax.on wax.off die Bühne verlassen, fällt diese unsichtbare Grenze, die die Kids offenbar vom Betreten der Tanzfläche abgehalten hat. Nun verharren sie allesamt dort, schauen dabei zu, wie Melle von delta radio, ihres Zeichens auch Managerin von One Fine Day, auf der Bühne die fünf Handtücher - für jedes Bandmitglied eines - strategisch verteilt und anschließend die Setlists auf dem Boden festklebt. Mittlerweile ist es viertel nach zehn, als die Protagonisten endlich anfangen. Waren die Lautstärkeregler bislang nur auf Stufe 10 gestellt, ist es nun die 11. Es dröhnt unglaublich in den ersten Sekunden, aber auch das ist nunmal Rock’n'Roll. Als dann Sänger Marten, natürlich als Letztes, die Bühne betritt und gleich drauflossingt, haben sich die Gehörgänge mittlerweile dran gewöhnt, und einer ausgelassenen Party steht nichts mehr im Wege. Im Vergleich zu den Anfangstagen haben sich One Fine Day stilistisch weiterentwickelt und spielen nun genau das, was die Kids hören wollen - und nicht andersrum! Die Musiker haben mittlerweile das Posen gut drauf, das macht sich auf Postern, Fotos und vor allem in Musikvideos immer ganz gut. Beim Konzert ist es aber eigentlich egal, denn die Fans sind bis auf wenige Ausnahmen mit sich selbst und den Pogoremplern gegen die Nebenmänner (und vor allem -frauen!) beschäftigt.

Klingt alles gemein, aber der Erfolg gibt One Fine Day nunmal recht. Und ganz unter uns: Die Hamburg-Dammtor-Hymne “Goodbye Reality” ist nunmal ein verdammter Hammer-Ohrwurm! Von daher bleibt mir nur, mich vor dem Schaffen der Ex-Kieler zu verbeugen. Halt, nein: Besser den Zeige- und den kleinen Finger in die Luft reißen - denn das ist Rock’n'Roll!

The Jakpot, 01.10.2007, Blauer Engel (Kiel)

Tuesday, October 2nd, 2007

erschienen bei kiel4kiel.de:

“More Culture, less Prostitutes”

Vorkehrungen werden getroffen im Blauen Engel zum Auftakt der “Blauer Montag”-Herbstsaison: Alle Tische direkt vor der Bühne werden rausgeschmissen, denn es soll ja schließlich kein Sitzkonzert werden, wenn The Jakpot mal zu Gast sind. The Jakpot? Richtig, wie der Name schon vermuten lässt, spielt die Band aus Manchester tanzbaren Indiepop typisch britischer B(r)auart.

Eigentlich sind The Jakpot ja viel zu spät dran. Vor zwei Jahren, im musikalischen Fahrwasser von Maximo Park und Th­e Kooks, da wäre ihr demnächst erscheinendes Debüt-Album “Throw Away Culture” vermutlich noch weggegangen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Aber das Quartett gehört nunmal zu der nachkommenden Generation, zusammen mit Bands wie den Wombats und Little Man Tate haben sie es natürlich ungleich schwerer, noch den Durchbruch zu schaffen. So heißt es auf ihrer myspace-Seite “Blauer Engel, Kiel” zum Tourabschluss ihrer bereits dritten kleinen Deutschlandreise innerhalb der letzten zehn Monate statt “Große Freiheit, Hamburg”. Oder wie Sänger und Gitarrist Matt Watkins es simpel ausdrücken würde: “More culture, less prostitutes”.

Als Gewinner der späten Bandgeburt dürfen sich die rund 150 Gäste im Blauen Engel fühlen, die rund 60 Minuten bestens unterhalten werden. Gleich zu Beginn spielen The Jakpot mit “Turning Point” ihren Überhit, der in einer besseren Welt stündlich auf delta radio laufen würde. In ihren Songs geht es vor allem ums Aufwachsen, ums Älterwerden - und weil The Jakpot Briten sind, natürlich auch um das Bier nachm Feierabend. Tanzbar ist es wie Hulle, klingt mal nach Maximo Park, mal nach den Fratellis, mal nach den Libertines und hat natürlich in jedem zweiten Song Mitsingstellen mit dutzenden ‘la’s, ‘ba’s und ‘da’s, die man auch im Delirium noch mitschmettern kann. Mitten im Set darf Matt Watkins auch noch zwei Songs solo darbieten, dann klingt das ganze nach den Kooks. Nein, innovativ sind The Jakpot nicht, aber darum geht‘s ja auch nicht.

Die Melodien stehen gegenüber den beiden Gitarren klar im Vordergrund, Leadgitarrist Neil Duckworth nutzt daher seine häufigen “spielfreien” Passagen in den Songs, um das Publikum zum rhythmischen Mitklatschen zu animieren. Dies klappt im Laufe des Konzerts auch immer besser, der Funke springt langsam über: Während anfangs nur die erste Reihe, die von der Insel mitgereisten “Ultras” der Band, die sich passenderweise “The Blak Jaks” nennen, sichtbar mitfeiert, verwandelt sich der Blaue Engel mehr und mehr in einen Tanzclub.

Während des Konzerts werde ich gefragt, wo denn plötzlich all diese Indiemenschen her kommen. Ich weiß es nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie alle spätestens zu den Mary Onettes Ende Oktober wieder den Weg in den Blauen Engel finden. Die Herbstsaison ist eröffnet, und sie hätte kaum stimmungsvoller eingeläutet werden können!

Malajube + Menomena, 19.09.2007, Uebel&Gefährlich (HH)

Tuesday, September 25th, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Zwei der - zweifelsohne in diesem Jahr eher wenigen - musikalischen Überraschungen sind für mich MALAJUBE und MENOMENA. Ein Glücksfall, dass die Frankokanadier die US-Indietüftler eingeladen haben, sie auf ihrer Europa-Tournee zu begleiten! Da lohnt sich dann auch endlich mal wieder die lange Zugfahrt mit Zwischenstopps in so illustren Käffern wie Brokstedt, Einfeld und Horst - oder etwa nicht?

Der erste Wermutstropfen meiner Hamburg-Tour lässt leider nicht lange auf sich warten: Der Einlass ins Uebel&Gefährlich verschiebt sich auf zwanzig nach neun. Hinzu kommt, dass die Gäste mit einem Lastenaufzug (Tragkraft 27 Personen oder 3.000 kg) erst einmal in den vierten Stock des Gebäudekomplexes gehievt werden müssen - das kostet alles Zeit, und gerade Zeit hab ich dank der klammen Fahrpläne der Deutschen Bahn nicht wirklich. Man wird also notgedrungen langsam hibbelig und findet sich damit ab, das Doppelkonzert nicht bis zum Ende genießen zu können. Immerhin, so beruhige ich mich, werde ich Supportband MENOMENA in voller Länge erleben können - und das bei ihrem ersten Gig überhaupt auf dem alten Kontinent! Und so freue ich mich diebisch darüber, wie ich meinen imaginären Indie-Freunden davon erzählen könnte, die großen MENOMENA als einer der Ersten gesehen zu haben. MALAJUBE hab ich in diesem Jahr eh schon zweimal live gesehen.

Doch dann um mittlerweile zehn nach zehn die große Ernüchterung: Statt der Portlander stehen Hauptact MALAJUBE auf der Bühne! Als wollten sie uns damit zeigen, dass man ‘Support’ nunmal nicht einfach mit ‘Vorgruppe’ übersetzen sollte, denn manchmal sind ‘Supports’ halt auch ‘Nachgruppen’. Schon komisch: Da steht also eine meiner diesjährigen Lieblingsbands auf der Bühne vor mir, es ist gemütlich im Uebel&Gefährlich bei gerade einmal rund 200 Gästen - und Sascha steht in Reihe 3 und schmollt…

Dabei bleibt es aber nicht lange, denn MALAJUBE legen los wie die Feuerwehr: Gleich mit der Wahnsinnsballade ‘Etienne d’Aout’ eröffnen sie ihren Gig, es folgen mit ‘Pâte Filo’ und ‘Montréal -40°C’ meine weiteren Lieblingssongs der Band. Als wollten die fünf Kanadier sich persönlich bei mir dafür entschuldigen, dass ich große Teile von MENOMENA verpassen werde. Haben sie doch gar nicht nötig! MALAJUBE jagen aber nur so durch ihr Programm, handeln in 35 Minuten alle Hits ihres Albums “Trompe-l’Oeil” ab und lassen darauf noch zwei alte Songs folgen. Dabei präsentiert sich die Band in ungeheurer Spielfreude, der Sound kommt deutlich sauberer als im März in Berlin aus den Boxen. Etwas länger hätte ihr Set jedoch schon sein können, aber mir persönlich ist es ganz recht, denn jede Minute weniger von MALAJUBE würde ja eine Minute mehr MENOMENA bedeuten.

Doch nun rinnt die Zeit bei der Umbaupause nur so dahin: Auch wenn MENOMENA nur zu dritt sind, so müssen - so scheint es mir - unendlich viele Instrumente angeschlossen werden: Drei Mikrofone, zwei Gitarren, zwei Bässe, ein Schlagzeug, ein Saxophon, ein Keyboard, ein Irgendwas (elektronisches Glockenspiel vielleicht?), zwei iBooks - Wahnsinn! Dies braucht natürlich alles seine Zeit, wodurch sich das Hörvergnügen für mich letztlich auf gerade einmal 20 Minuten reduziert. Aber was für welche! Alle drei Musiker stehen auf einer Linie, beim Singen wechseln sie sich völlig demokratisch ab. Und ich weiß gar nicht, wo ich hingucken soll: Nach links, wo Brent Knopf - welch passender Name - in Windeseile von einem MIDI-Effekt auf den nächsten wechselt, während er gleichzeitig wahlweise Keyboard und Gitarre spielt, dennoch nie überfordert wirkt? Nach rechts, wo Danny Seim am Schlagzeug wahnwitzig die Beats, die auf Platte mit Hilfe einer Loop-Software entstanden, nachspielt, als hätte er zuvor drei Duracell-Zäpchen eingenommen? Oder doch einfach geradeaus, wo Justin Harris inmitten seiner Mitstreiter alle restlichen Instrumente bedient, für die die anderen beiden gerade keine Hand mehr frei haben? Wohin man auch blickt, es ist phänomenal, es ist große Kunst, es ist Wahnsinn - und es fügt sich erschreckenderweise auch noch zu genau der wundervollen Popmusik zusammen, die es auf dem aktuellen Album “Friend And Foe” zu hören gibt!

Leider nur für 20 Minuten, denn dann muss ich zum Bahnhof…

Voxtrot + Siva, 08.08.2007, Molotow (HH)

Sunday, August 19th, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Wenn die Senkrechtstarter von VOXTROT ins Molotow laden, lassen sich die Hamburger Musikfans nicht lange bitten. Wie schon im Frühjahr ist der Club gut gefüllt, obwohl das Wetter so gar nicht dazu einlädt, seine eigenen vier Wände zu verlassen.

Als Support hat die Band aus Austin, Texas für die kleine Deutschland-Tour diesmal die Berliner SIVA. aus dem Hause DevilDuck eingeladen. Eine gute Wahl, denn auch wenn die beiden Combos stilistisch schon weit auseinander liegen, so eint sie doch die Geste zu großartigen Melodiebögen.

SIVA. aber haben an diesem Abend, dem letzten der gemeinsamen Tour, ein großes Problem zu bewältigen. Drummer Jens Gathemann muss aus familiären Gründen passen und lässt seine Kollegen somit ohne Schlagzeig stehen. Die Songs werden dadurch ruhiger gespielt, als man es auf ihrem grandiosen Debüt “The Story Is Complete, But I Think We’ve Lost The Book” gewohnt ist. Der instrumentale Schwerpunkt wird deutlich auf den wabenden Elektronikteppich gelegt, die Gitarre von Sänger Andreas Bonkowski genießt eher einen Alibi-Charakter. Ganz so unter dem Motto: “Wenn ihr das schon toll findet, solltet ihr uns erstmal in voller Montur erleben: Mit Gitarrenwänden und mehr instrumentaler Verspieltheit!” Mein Nebenmann im Publikum flüstert derweil seinem Nebenmann (also nicht mir!) ins Ohr, dass ihn SIVA. an RADIOHEAD zu “OK Computer”-Zeiten erinnern. Bevor ich ihn gebührend auslachen kann, bemerke ich gerade noch rechtzeitig, dass er damit gar nicht mal so falsch liegt. Denn besonders in den ruhigen Stücken ist die zerbrechliche Stimme Bonkowskis sehr nah an der von Thom Yorke dran.

Nichtsdestotrotz bleibt ein leicht fader Beigeschmack zurück, denn als Quartett, ans Album angelehnt, wäre das alles um so toller gewesen. Und als wenn SIVA. deshalb ein schlechtes Gewissen bei den Hansestädtern hätten, beehren sie Hamburg allein im September gleich drei weitere Male. Dann auch sicherlich in voller Montur.

Gestört hat dieser reduzierte Auftritt der Berliner dann aber auch niemanden, zumal die meisten Besucher eh wegen VOXTROT im Molotow sind. Diese betreten dann auch gegen 22 Uhr die Bühne und beweisen aufs Neue, dass sie eine erstklassige Liveband sind. Besonders die Uptempo-Stücke ihres selbstbetitelten Debütalbums gewinnen im Molotow regelrecht an Fahrt und werden zu beinahe erdigen Tanzflächenrockern. Am Ende von ‘Kid Gloves’ gerät Frontmann Ramesh Srivastava sogar beinahe in Rage. So sehr, dass man sich anschließend fragt, warum die Band sich dies nicht schon auf dem Album getraut hat.

VOXTROT beschränken sich erfreulicherweise nicht nur auf die Songs vom Album, sondern spielen auch allerhand “alte” Songs von ihren Vorab-EPs. Besonders das aus der Konserve etwas langweilig daherkommende ‘Your Biggest Fan’ gewinnt live ordentlich an Intensität. So ist man nach 55 kurzweiligen Minuten auch bester Laune und großer Hoffnung, dass das Quintett noch mindestens eine halbe Stunde an Zugaben draufpackt. Doch hier wird man letztlich enttäuscht: Srivastava kehrt für einen letzten Rausschmeißer allein auf die Bühne zurück, dann ist auch schon Schluss. Schade, denn VOXTROT hätten noch deutlich mehr spielen können. Allein schon, dass sie die Piano-Ballade ‘Real Life Version’, das Herzstück des Albums, verschmäht haben, lässt einen kurzzeitig trauernd zurück. Aber allmählich fällt mir dann doch wieder ein, dass die anderen Lieder dafür umso schöner dargeboten wurden. Man muss auch mal verzeihen können!

Hurricane Southside Clubtour Part 2, 25.02.2007, Markthalle (HH)

Wednesday, March 7th, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Im Juni lockt erneut das Zwillingsfestival HURRICANE / SOUTHSIDE 90.000 Festivalfans für drei Tage in ihre Zelte. Zum Warmwerden gab es im Februar zwei Clubtourneen, zur zweiten waren die Schotten von AEREOGRAMME, THE MAGIC NUMBERS aus England sowie die deutschen Newcomer KARPATENHUND geladen. Flaming Youth war am 25. Februar in der Hamburger Markthalle mit dabei.

Es ist kurz nach 20 Uhr, und im großen Saal der Markthalle ist rein gar nichts los. Dennoch - so ist das Geschäft - müssen KARPATENHUND aus Köln nun loslegen. Dem Quintett, das bis auf die charismatische Sängerin Claire auch bei LOCAS IN LOVE musiziert, macht dies aber nichts aus, macht das Beste aus der Situation und tituliert die handvoll Zuhörer als die Stars des Abends. Ihr Gitarrenpop weiß allerdings über die gesamte Spielzeit von leider gerade einmal 35 Minuten dennoch zu überzeugen. Auf das im Frühjahr erscheinende Debütalbum von KARPATENHUND darf man also gespannt sein.

Eigentlich war als zweiter Künstler des Abends der britische Senkrechtstarter SAM DUCKWORTH, besser bekannt als GET CAPE. WEAR CAPE. FLY vorgesehen. Da dieser kurz vor Beginn der Tour leider krank wurde, schrumpfte das LineUp kurzfristig von einem Quartett zu einem Trio dahin. Dafür dürfen die MAGIC NUMBERS aber schon früher ran und auch länger spielen. Und ihr erster Auftritt überhaupt in Hamburg lockt dann auch endlich die Massen vom Vorraum in den Konzertsaal. Die beiden Geschwisterpärchen um Sänger und Gitarrist ROMEO STODART und Sängerin ANGELA GANNON präsentieren eine bunte Mischung aus ihren beiden umjubelten Alben. Ein Hauch der 60er Jahre liegt bei den Vokalharmonien in der Luft, das Publikum zeigt sich mehr und mehr begeistert vom Quartett. Ob der Single-Hit ‘Forever Lost’, das anschmiegsame ‘I See You, You See Me’ oder das tanzbare ‘Take A Chance’ - THE MAGIC NUMBERS sammeln sich an diesem Abend in der Hansestadt viele neue Fans zusammen.

Als AEREOGRAMME dann unter einer furiosen Lichtshow die Bühne entern, sind die Reihen vor dieser schon wieder etwas spärlicher gesät. Schon vor dem ersten Ton der Schotten wird klar, dass die MAGIC NUMBERS dieses Duell heute für sich entschieden haben. Die Schotten um Sänger CRAIG B lassen sich aber dennoch nicht nehmen, einen sensationellen Start zu erwischen: Dem brillianten ‘Barriers’ vom neuen Album lassen AEREOGRAMME gleich die beiden Knaller des “Sleep And Release”-Albums folgen: Zunächst das zerstörerische ‘Indiscretion #243′, dann zur Beruhigung ‘Black Path’. Danach sind eigentlich alle Fans schon wunschlos glücklich, komme was wolle. Doch die Gruppe überpowert in der Folge ein wenig, verliert sich zeitweise in Gekreische aus einer längst vergessen geglaubten Bandaera. Zum Ende hin wird’s dann glücklicherweise wieder besser, so dass dann letztlich doch alle Zuschauer, die bis zu den Zugaben ausgehalten haben, glücklich nach Hause gehen.

Insgesamt ein gelungenes WarmUp für die Festivals. Ob wir solch eine Clubtour auch im nächsten Jahr wieder erleben werden, bleibt aber dennoch abzuwarten - die Besucherzahlen waren in einigen Städten der Tour doch eher dürftig.

Sit down & sing 2, 27.01.2007, Knust (HH)

Friday, February 2nd, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Im vergangenen Jahr tourten mit LLOYD COLE, CHRISTIAN KJELLVANDER und DIRK DARMSTAEDTER drei Songwriter gemeinsam durch Deutschland und gewannen auf der intimen ersten “Sit down and sing”-Tour eine Menge Herzen. Im Januar ging dieses Konzept nun in eine zweite Runde, Flaming Youth war beim Abschlusskonzert im Hamburger Knust am 27. Januar mit dabei.

Diesmal heißen die Protagonisten WOLKE, KRISTOFER ÅSTRÖM und MARIA TAYLOR. Im Vorfeld macht sich Skepsis breit: Passt das? Ein deutsches Indie-Duo, ein einsamer schwedischer Songwriter und eine US-Sängerin aus dem Hause Saddle Creek - dies klingt zunächst einmal nach einem zufällig zusammengewürfelten Künstlertrio, das gerade verfügbar war. Doch dass sich Tapete Records bei der Auswahl schon etwas bei gedacht hatte, wird bereits beim Auftritt der beiden den Abend einleitenden Kölner von WOLKE klar.

BENEDIKT FILLEBÖCK nimmt an seinem Klavier Platz (übrigens der einzige Musiker, der sich an das “Sit down” hält - dafür singt er aber nicht!), OLIVER MINCK füllt die Melodiespuren dank seiner klaren Stimme mit Leben. Auf den normalerweise eingesetzten Bass und die elektronischen Beats verzichtet das Duo diesmal vollends, was besonders ob des fehlenden Gepluckers zumindest ein kleines bisschen schade ist. Highlights bilden das von MINCK eingespielte Xylophon in ‘Radfahren, lesen, Freunde treffen’, der ‘Walzer No. 1′ im original wiegenden Drei-Viertel-Takt und das auch ohne Bassline überzeugende ‘Second Hand Gefühl’. Und auch die beiden anderen Protagonisten dürfen sich schonmal warmsingen: KRISTOFER ÅSTRÖM duettiert auf dem eingedeutschten QUEEN-Cover ‘Ich will mich befreien’ (’I want to break free’) und MARIA TAYLOR übernimmt wagemutig die Rolle von KLEE-Sängerin SUZIE KERSTGENS in ‘Wir werden immer jünger’ - traurig schön, gerade weil ihr Deutsch auch nach zweieinhalb Wochen noch immer sehr holprig daherkommt.

Als zweites darf dann KRISTOFER ÅSTRÖM ran. Auch er verzichtet zugunsten einer erhöhten Intimität auf seine Backingband HIDDEN TRUCK, eine Akustikgitarre reicht im proppevollen, aber nun mucksmäuschenstillen Knust aus, um seine traumhaften Songs zu begleiten. Gut, dass der einstmalige FIRESIDE-Sänger eines Tages erkannte, dass seine Stimme besser im Northern Blues beheimatet sein sollte. Seine gefühlvollen Lieder über die Liebe und den damit meist verbundenen Kummer begeistern auch die Zuschauer im Knust. Und auch der Schwede lädt seine Tourbegleiter zum gemeinsamen Musizieren während seines Sets ein: MARIA TAYLOR unterstützt ihn bei seinem herzzerreißenden ‘Better than the Night’, und beim ELVIS-Cover ‘Always on my Mind’ darf dann auch OLIVER MINCK nochmal ins Mikrofon hauchen. Herrlichst!

Den krönenden Abschluss dieses lauschigen Abends bildet dann schließlich MARIA TAYLOR. Diese hat vergleichsweise eine richtige Big Band mitgebracht und betritt gemeinsam mit ihrem Bruder MACEY am Bass und dem Gitarristen DAN MCCARTHY von ihren Saddle Creek Labelmates THE GOOD LIFE die Bühne. Die AZURE RAY-Sängerin hat mit “Lynn Teeter Flower” (VÖ 02.03.) ein neues Werk im Schlepptau. Mit ihrer zauberhaften Stimme liefert sie bereits die ersten Kostproben ab, zieht die geringfügig spärlicher besetzten Reihen im Knust vom ersten Moment an in ihren Bann. Zu ‘Not a Lovesong’ darf auch KRISTOFER ÅSTRÖM nochmal auf die Bühne, und wieder ist man ganz fasziniert, wie gut die Stimmen der beiden Künstler harmonieren. Das Publikum ist begeistert, und spätestens bei der phänomenalen Zugabe brechen dann alle Dämme: Alle Musiker der “Sit down and sing”-Tour stehen noch einmal gemeinsam an den Mikrofonen und singen Cindy Laupers “Time after Time”. Eine musikalische Sternstunde. Und so wünscht man sich dann auch insgeheim, dass die Musiker nach diesem perfekten Abschluss nicht noch einmal auf die Bühne zurückkehren. Ja, auch dieser Wunsch wird einem an diesem Abend erfüllt…