Archive for June, 2007

Ohrbooten - Babylon bei Boot

Wednesday, June 20th, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Sie gelten immer als “die kleinen SEEED”, dabei hatten die OHRBOOTEN bereits auf ihrem ersten Album “Spieltrieb” bewiesen, dass sie sich hinter keiner Band zu verstecken brauchen.

Denn auf ihrem ersten Longplayer tummelten sich nur so die Hits. Die Singles ‘An alle Ladies’, ‘Und Tschüss!’ und ‘Autobahn’ hatten absoluten Ohrwurmcharakter, und tanzbar war der selbsternannte Gyp Hop sowieso. Halt eine Mixtur aus Reggae, Hip Hop, Funk, Dancehall und Weltmusik, die reine Popmusik hervorbrachte. Sympathisch, allein schon wegen des Berliner Dialekts von Rapper Ben.

Aber was uns die OHRBOOTEN auf ihrem zweiten Album “Babylon bei Boot” liefern, ist leider mehr oder weniger eine Frechheit. Sicherlich, die musikalische Komponente schreibt das Erfolgskonzept des Erstlings gnadenlos weiter, ohne allerdings neue Akzente hinzufügen zu können. Dies reicht immer noch, um zu den neuen Songs wahlweise durch die Wohnung oder die Disco zu tanzen. Immerhin. Aber das ist dann auch schon alles. Wo sind die Ohrwürmer hin, die “Spieltrieb” damals ausgemacht hatten? Und warum sind die Texte auf unterirdisches Mittelstufen-Niveau abgesackt, während sie auf “Spieltrieb” zumindest zeitweilig noch Witz und Charme hatten? Und wer zum Henker braucht nach den Toten Hosen denn bitteschön noch einen neuen, ach-so-sozialkritischen Ableger des ‘10 kleine Negerlein’-Kinderliedes?

Die Antworten auf die Fragen lauten: Spurlos verschwunden; Keine Ahnung; Niemand. Und dennoch - oder gerade deshalb - werden die OHRBOOTEN diesmal die Charts erklimmen, was ihnen mit “Spieltrieb” nicht gelang. Das Leben kann so ungerecht sein…

(El) Sumo - Was ewig schien…

Wednesday, June 20th, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Was lange währt, wird endlich gut: Nachdem das Debütalbum der Berliner Band EL SUMO bereits im letzten Jahr fertig war, erblickt “Was ewig schien…” in diesem Sommer endlich das Licht der deutschsprachigen Indiepop-Welt. Im Nachhinein ein sehr passend gewählter Titel!

Querelen mit dem damaligen Label schon vor der Veröffentlichung ließen den Plan des ambitionierten Quartetts, im Musikbusiness Fuß zu fassen, erst einmal zerplatzen. Nun hat sich aber [PIAS] der Band angenommen, so dass das Debüt nun endlich bundesweit erhältlich ist. Die Tracklist des letztjährigen “Prototyps”, den die Band für kurze Zeit auf ihrer Homepage selbst vertrieb, wurde ein wenig durcheinander gewürfelt, neu abgemischt wurde allerdings nichts. Wer also zu den Glücklichen zählt, die “Was ewig schien…” schon im letzten Jahr gekauft und liebgewonnen haben, können auf die Neuauflage getrost verzichten.

Kommen wir jetzt aber mal zur Musik, die man eigentlich eher aus Hamburg erwarten würde. Man nehme KETTCAR, man nehme die HANSEN BAND, man stelle sich ein Gemisch dieser beiden Bands vor. Der Beipackzettel zur CD will uns zwar etwas über Emo erzählen und nennt JIMMY EAT WORLD als Referenzband, doch der unaufgeregte, bisweilen monotone Gesang von Frontmann GUILLERMO MORALES erinnert einfach zu sehr an MARCUS WIEBUSCH. Allerdings gehen EL SUMO einen Tick rockiger zu Werke als die Hamburger, haben ihre Stärken aber besonders bei den ruhigeren, epischeren Stücken ‘Kalender’ und besonders ‘Schwelm (Die hellste Nacht)’.

Ein starkes Album, das eindeutig für mehr bestimmt ist als nur ein Lückenbüßer bis zum nächsten KETTCAR-Album zu sein.

Royseven - The Art Of Insincerity

Thursday, June 14th, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Liebeskummer ist ein Arschloch! Aber immerhin ist er eine begnadete Muse für viele - im wahrsten Sinne des Wortes - herzzerreißende Songs. Bestes aktuelles Beispiel dafür ist das Debütalbum der irischen Band ROYSEVEN.

In “The Art Of Insincerity” verarbeitet Frontmann PAUL WALSH größtenteils seine letzte gescheiterte Beziehung. Schmerz und Hoffnungslosigkeit werden zu Wut und Trotz - nicht nur in den Texten, auch der Stimme WALSHs ist dies direkt anzuhören: Oftmals zerbrechlich in den Strophen, packt der Sänger dann spätestens im Refrain seine Stadionrock-Röhre aus, unterstützt von zwei krachigen Gitarren.

Natürlich haben die Iren mit ihrer Musik das schluchzende Rad nicht neu erfunden, zu sehr erinnert das Gehörte an Bands wie KEANE, SNOW PATROL, JJ72 und manchmal ganz entfernt gar an MUSE. Doch durch so epische Songs mit großartigen Melodiebögen wie in ‘Older’, ‘Aberdeen’ oder ‘I’m Revived’ verzeiht man dies dem Sextett schnell.

In ihrer Heimat sind ROYSEVEN schon kleine Stars, haben quasi den irischen Grammy als beste Newcomerband abgesahnt und zumindest auf der grünen Insel eine rosige Zukunft vor sich. In Deutschland wird die Band voraussichtlich kleinere Brötchen backen müssen. Für Fans der oben genannten Bands, die mal wieder Nachschub in ihrem CD-Player brauchen, ist “The Art Of Insincerity” aber sicherlich eine sehr gute Wahl.

New Atlantic - The Streets, The Sounds, And The Love

Monday, June 11th, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Wie lange müssen wir denn noch auf ein neues Album von JIMMY EAT WORLD warten? Das nicht völlg überzeugende “Futures” ist nun schon fast drei Jahre alt, Live- und Akustikaufnahmen neuer Songs geistern auch schon seit einem Jahr durchs Netz. Ende 2007 soll es aber dann doch endlich soweit sein. Im Sommer kann man als Ersatz erst einmal getrost auf das Debüt von NEW ATLANTIC zurückgreifen.

Denn was die Band auf ihrem ersten Longplayer “The Streets, The Sounds, And The Love” (ja, das zweite Komma ist grammatikalisch vollkommen korrekt, wenn auch optional) abliefert, hat man in dieser Form seit 2001 nicht mehr zu hören bekommen. Damals da, in der guten alten Zeit, als sich die “Bleed American” mit der “Emotion Is Dead” von THE JULIANA THEORY im CD-Player abwechselten.

NEW ATLANTIC bauen dabei weniger auf Bombast, beenden ihre Songs gerne schon nach eingängigen drei Minuten. Das Strickmuster ist dabei stets das selbe: Die zerbrechliche Stimme von GIOVANNI GIANNI säuselt sich melancholisch durch die Strophen, ehe im Chorus dann doch Gitarrenwände aufgefahren werden und GIANNIs Melodien durch Backgroundgesänge unterstützt werden.

Ausfälle hat “The Streets, The Sounds, And The Love” nicht einen, wohl aber zwei Songs, die sich positiv von den anderen abheben. Zum Einen wäre da die erste Single ‘Wire And Stone’, die alle Stärken der Band in 162 Sekunden komprimiert und zudem absolut discotauglich ist. Zum Anderen der abschließende Titeltrack, der zum Ende hin aus dem üblichen neuatlantischen Songschema ausbricht und dann doch noch epische Ausmaße annimmt.

Ein schönes Album, das die Wartezeit auf das nächste JIMMY EAT WORLD Album extrem versüßen kann. Nicht mehr, aber vor allem nicht weniger!

Biffy Clyro - Puzzle

Monday, June 11th, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Innerhalb von gerade einmal zweieinhalb Jahren schmissen BIFFY CLYRO ihre ersten drei Alben auf den Musikmarkt. Nach ebensolanger Pause sind die Schotten nur mit “Puzzle” zurück - und bereit für den großen Sprung.

Denn obwohl bislang jede Veröffentlichung des Trios von Kritikern in höchsten Tönen gelobt wurde, blieb BIFFY CLYRO der kommerzielle Erfolg verwehrt. Man agierte weiterhin als Support von Bands wie THE COOPER TEMPLE CLAUSE oder WEEZER und spielte die Mainacts weiterhin wie selbstverständlich an die Wand. Vielleicht waren besonders “The Vertigo Of Bliss” und “Infinity Land” einfach zu verspielt, zu große musikalische Wundertüten, hatten zu viele Haken und Ösen, zu viele Puzzleteile?

Dies ändert sich nun ausgerechnet auf dem vierten Album “Puzzle”, dem ersten Major-Album der Bandgeschichte. Hatte es die Band bislang immer eilig, aus dem Studio wieder rauszukommen, ließ man sich diesmal Zeit bei der Produktion, bekam mit GARTH RICHARDSON prominente Hilfe. Diese zahlt sich aus, denn “Puzzle” ist das bislang eingängigste und dennoch anspruchsvollste Werk der Band.

Dabei entpuppen sich die meisten Songs als Spätzünder. Erst in der zweiten Songhälfte gibt es förmlich eine Explosion, die aus zuvor nett rumdümpelnden Melodien den Hymnencharakter herauskitzelt. Das Herzstück der Platte, ‘9/15ths’, wird bereits in zwei Zwischensequenzen angerissen, ehe es im vorletzten Track seine gesamte, mitweilen psychotische, Schönheit entfaltet - Streicherarrangement inklusive. Aber auch zuvor verwöhnen uns BIFFY CLYRO mit großer Musik: ‘Folding Stars’ ist das wohl beste, herzerreißende WEEZER-Stück seit OZMA, ‘As Dust Dances’ geht den Weg von einer Ballade zu einem Gitarrenepos und zurück, ‘Who’s Got A Match’ ist QUEENS OF THE STONE AGE in der Light-Version. Eine Hymne jagt die nächste.

Kurz und knapp: Mit ihrem vierten Album haben sich BIFFY CLYRO erneut selbst übertroffen!