Archive for February, 2007

Friska Viljor - Bravo!

Thursday, February 22nd, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Das kennt doch jeder unglücklich Verliebte: Man gibt sich abends die Kante und greift in der Nacht dann kurzerhand zum Handy, um seine Gedanken in einem - so denkt man in dem Moment zumindest - Meisterwerk aus Lyrik und Gefühl per SMS an strategisch wichtige Personen zu schicken. Der perfekte Einfall entpuppt sich aber am verkaterten Morgen als völlig unoriginell und geradezu peinlich. So ähnlich machen das auch Gitarrist DANIEL JOHANSSON und Sänger JOAKIM SVENINGSSON von FRISKA VILJOR - nur schreiben sie Songs statt SMS. Und außerdem ist das Ergebnis auch am nächsten Morgen noch genial.

So lautet zumindest die Legende der Band: Nach simultaner Beendigung ihrer Beziehungen wurde der gemeinsame Kummer in langen Nächten ertränkt und dann schließlich in musikalische Häppchen gezwängt. Kurz zusammengefasst: Alkohol, Frauen, Verbitterung - die drei besten Zutaten, um gute Rockmusik zu kreieren.

Und wie klingen FRISKA VILJOR nun? Gitarrist DANIEL JOHANSSON fasste es im Interview mit FLAMING YOUTH kurz zusammen mit: “Happy music with sad lyrics”. Und damit liegt er genau richtig. Denn trotz der Texte laden Songs wie ‘Oh oh’, ‘Gold’ oder ‘Puppet Cabaret’ direkt zum Tanzen ein. Dass die Instrumentierung mit Mandoline, Trompeten und Glockenspiel je nach Einsatz große Unterschiede ausmachen kann, bemerkt man besonders beim musikalischen Zwillingspärchen ‘Shotgun Sister’ und ‘We are happy now (la la la)’: Während man bei ersterem bedrückt auf seinem Stuhl hin- und herrutscht, treibt einen zweiterer geradewegs auf die Indie-Tanzfläche - dabei haben beide Songs die identischen Lyrics.

‘Four Points’ wiederum klingt wie ARCADE FIRE auf Speed, ‘I gave my Life’ bietet uns sechs Minuten lang unterhaltsame Polka-Rhythmen, ‘Goldfish’ erinnert an das traurige Meisterstück, das uns die COUNTING CROWS noch immer schuldig sind. ‘Monday’ fällt als Elektro-Dancehit zunächst völlig aus dem angefolkten Rahmen und erschließt sich einem erst, wenn die Trompete loströtet. Ach, und wo wir gerade bei Trompeten sind: Selten gab es ein so bewegendes Bläsersolo wie in der Hymne ‘Friskashuffle’, die zudem den mitreißendsten Chorus des jungen Jahres bereithält.

Bravo! Das sind elf brilliante, abwechslungsreiche Lieder, die in erster Linie Hoffnung verbreiten. Darf man im Februar eigentlich schon das Album des Jahres verkünden?

Earthbend - Young Man Afraid

Wednesday, February 21st, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Wenn einem eine Band aus dem Ort Finsterwalde ihre Songs vorstellen möchte, schwant einem zunächst nichts gutes. Die Angst vor düsterem Dorf-Metal stand mir ins Gesicht geschrieben. Aber halt: Finsterwalde aus Süd-Brandenburg hat ja immerhin fast 19.000 Einwohner, und was drei dieser Bewohner auf ihrem Debütalbum “Young Man Afraid” abliefern, ist Indie-Rock vom Feinsten - zumindest über weite Strecken.

Dabei waren ANDRÉ KUNZE (Gitarre, Gesang), TILO HUSTAN (Schlagzeug, Klavier) und CHRISTIAN HEINRICH (Bass, Fußorgel) noch gar nicht auf der Welt, als Bands wie LED ZEPPELIN, PINK FLOYD und THE WHO den Grundstein für den treibenden Sound legten, den EARTHBEND nun wieder aufleben lassen. Mit durchgetretenem Gaspedal und dennoch eingängigen Gitarren rockt sich das Trio durch 40 Jahre Musikgeschichte, greift hier und da Einflüsse auf, ohne sich aktuell vorherrschenden Trends anzubiedern. Dreiminütige Ohrwürmer wie ‘Hula Road’ oder ‘Tili Turkey’ wechseln sich ab mit psychedelischen Schmankerln wie ‘Sailors’ oder ‘Voices’. Dass das Album von BLACKMAILs KURT EBELHÄUSER produziert wurde, verwundert einen bei den stets sehr erdigen Songs keinesfalls.

Auch, wenn nicht alle 11 Lieder auf “Young Man Afraid” auf gleich hohem Niveau angesiedelt sind, ist EARTHBEND ein überraschend starkes Debütalbum gelungen. Wer hätte so etwas aus Finsterwalde erwartet?

10 Rue d’la Madeleine - Sur Les Murs

Tuesday, February 20th, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Es gab ein Fach an der Schule, das wie kaum ein anderes die Schülerschaft spalten kann - das MIA. unter den Schulfächern quasi: Französisch. Entweder man hasst oder man liebt es. Ich zählte mich damals eindeutig zu den ersteren und war dementsprechend froh, als ich diese Sprache endlich abwählen konnte. Jetzt, viele Jahre später, trudelte per Post die Rache in Form von “Sur Les Murs” ein.

Ich gebe es unverblümt zu: Das bisschen, was ich auf französisch sprechen und verstehen konnte, habe ich verlernt. Von dahin kann ich mich gar nicht auf die Texte von 10 RUE D’LA MADELEINE stürzen und konzentriere mich ganz auf die Musik. Diese wird als “wilder Mix aus Chanson und RAGE AGAINST THE MACHINE” gepriesen. Wer jetzt behauptet, so eine Mischung sei nicht möglich, der hat vor allem Recht. Und dennoch weiß der Geheimtipp der zugegeben übersichtlichen französischen Indie-Rock-Szene streckenweise zu überzeugen.

Die Einflüsse, die man unter “Chanson” zusammenfassen kann, beziehen sich lediglich auf den Sprechgesang von BRAD BRONSTEIN sowie den Einsatz von Klarinette und Violine. Ansonsten rocken die Gitarren munter nach vorne, ohne aber an das Format der (noch) legendären RAGE AGAINST THE MACHINE heranzukommen. Und dennoch: Der Opener ‘La Classe Americaine’ und der Chorus-Schrei von ‘Vive La Commune’ überzeugen, bringen neuen, frischen Wind ins CD-Regal. Dann flacht das Debüt des Sextetts aber auch schneller ab, als man “purée de pommes de terre” fehlerfrei aussprechen kann. Alle Ideen scheinen bereits in den ersten beiden Liedern verbraten und in den nachfolgenden 10 Songs wiederaufgewärmt worden zu sein.

Schade, denn es ist bei 10 RUE D’LA MADELEINE definitiv Potential vorhanden.

Ed Csupkay - Das Tier in mir

Friday, February 2nd, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Musikrichtungen und die damit verbundenen Irrtümer - Teil 73: Was ist eigentlich Folk? 42% der Befragten antworteten mit “FIDDLER`S GREEN”. Weitere 34% faselten etwas von den DUBLINERS und einer kleinen grünen Insel. Die restlichen 24% antworteten sicherheitshalber gar nicht und nippten lieber weiter an ihrem Guinness. Fürwahr: Es steht nicht gut um dieses Genre. Doch ED CSUPKAY (gesprochen: Tschupkai) ist aufgebrochen, um dies zu ändern. Und es könnte ihm sogar gelingen!

“Das Tier in mir” ist das Debütalbum eines Mannes, der lange Zeit als Tourmanager von Bands wie MOTÖRHEAD, ANTHRAX und MONSTER MAGNET gearbeitet hat. Und man hört es seiner rauchigen Stimme in jedem gesungenen Wort an: ED CSUPKAY hat in seinem Leben schon eine Menge erlebt. Das Fundament seiner Songs bilden eine Akustikgitarre, die Lap Steel der lebenden Legende TEX MORTON, die vom Sänger selbst eingespielte Mandoline und Geige. Doch auch immer wieder gern aber dennoch selten gehörte Instrumente wie Akkordeon, Mundharmonika oder Hammondorgel - letztere übrigens eingespielt von SVEN REGENER, zugleich Produzent des Albums und größter Förderer von CZUPKAYs Talent. Kein Wunder also, dass der Bremer mit ungarischen Wurzeln dessen Band ELEMENT OF CRIME im Februar supporten darf.

Nichtsdestotrotz passt diese Tourkonstellation aber wie die Faust aufs weinende Auge. In CSUPKAYs Liedern geht es um Herzschmerz, um die große Kunst des Vergessens (oder doch eher ums Nicht-Vergessen-Können), ums Verlassen und Verlassenwerden. Passend dazu dümpeln die bedrückenden Lieder maximal im Mid-Tempo rum. Mal ist ED CSUPKAY dabei dem Blues ganz nah, mal dem Country. Mal glaubt man sogar, einen neuen alten FINK-Song zu hören. Und auch seine ungarischen Wurzeln hört man immer wieder raus. Doch trotz der zumeist rauhen Songs: Die zuckersüßen Melodien in ‘Loch in der Brust’ oder der abschließenden Hymne ‘Holstein’ könnten sogar beinahe zum fröhlichen Schunkeln einladen - wenn nur diese deprimierenden Texte nicht wären.

Keines der zehn Lieder möchte geskippt werden, jeder Song für sich ist eine traurige Perle. “Das Tier in mir” ist daher ein mehr als beachtliches Debütalbum. Folk’s not dead!

Sit down & sing 2, 27.01.2007, Knust (HH)

Friday, February 2nd, 2007

erschienen bei flamingyouth.de:

Im vergangenen Jahr tourten mit LLOYD COLE, CHRISTIAN KJELLVANDER und DIRK DARMSTAEDTER drei Songwriter gemeinsam durch Deutschland und gewannen auf der intimen ersten “Sit down and sing”-Tour eine Menge Herzen. Im Januar ging dieses Konzept nun in eine zweite Runde, Flaming Youth war beim Abschlusskonzert im Hamburger Knust am 27. Januar mit dabei.

Diesmal heißen die Protagonisten WOLKE, KRISTOFER ÅSTRÖM und MARIA TAYLOR. Im Vorfeld macht sich Skepsis breit: Passt das? Ein deutsches Indie-Duo, ein einsamer schwedischer Songwriter und eine US-Sängerin aus dem Hause Saddle Creek - dies klingt zunächst einmal nach einem zufällig zusammengewürfelten Künstlertrio, das gerade verfügbar war. Doch dass sich Tapete Records bei der Auswahl schon etwas bei gedacht hatte, wird bereits beim Auftritt der beiden den Abend einleitenden Kölner von WOLKE klar.

BENEDIKT FILLEBÖCK nimmt an seinem Klavier Platz (übrigens der einzige Musiker, der sich an das “Sit down” hält - dafür singt er aber nicht!), OLIVER MINCK füllt die Melodiespuren dank seiner klaren Stimme mit Leben. Auf den normalerweise eingesetzten Bass und die elektronischen Beats verzichtet das Duo diesmal vollends, was besonders ob des fehlenden Gepluckers zumindest ein kleines bisschen schade ist. Highlights bilden das von MINCK eingespielte Xylophon in ‘Radfahren, lesen, Freunde treffen’, der ‘Walzer No. 1′ im original wiegenden Drei-Viertel-Takt und das auch ohne Bassline überzeugende ‘Second Hand Gefühl’. Und auch die beiden anderen Protagonisten dürfen sich schonmal warmsingen: KRISTOFER ÅSTRÖM duettiert auf dem eingedeutschten QUEEN-Cover ‘Ich will mich befreien’ (’I want to break free’) und MARIA TAYLOR übernimmt wagemutig die Rolle von KLEE-Sängerin SUZIE KERSTGENS in ‘Wir werden immer jünger’ - traurig schön, gerade weil ihr Deutsch auch nach zweieinhalb Wochen noch immer sehr holprig daherkommt.

Als zweites darf dann KRISTOFER ÅSTRÖM ran. Auch er verzichtet zugunsten einer erhöhten Intimität auf seine Backingband HIDDEN TRUCK, eine Akustikgitarre reicht im proppevollen, aber nun mucksmäuschenstillen Knust aus, um seine traumhaften Songs zu begleiten. Gut, dass der einstmalige FIRESIDE-Sänger eines Tages erkannte, dass seine Stimme besser im Northern Blues beheimatet sein sollte. Seine gefühlvollen Lieder über die Liebe und den damit meist verbundenen Kummer begeistern auch die Zuschauer im Knust. Und auch der Schwede lädt seine Tourbegleiter zum gemeinsamen Musizieren während seines Sets ein: MARIA TAYLOR unterstützt ihn bei seinem herzzerreißenden ‘Better than the Night’, und beim ELVIS-Cover ‘Always on my Mind’ darf dann auch OLIVER MINCK nochmal ins Mikrofon hauchen. Herrlichst!

Den krönenden Abschluss dieses lauschigen Abends bildet dann schließlich MARIA TAYLOR. Diese hat vergleichsweise eine richtige Big Band mitgebracht und betritt gemeinsam mit ihrem Bruder MACEY am Bass und dem Gitarristen DAN MCCARTHY von ihren Saddle Creek Labelmates THE GOOD LIFE die Bühne. Die AZURE RAY-Sängerin hat mit “Lynn Teeter Flower” (VÖ 02.03.) ein neues Werk im Schlepptau. Mit ihrer zauberhaften Stimme liefert sie bereits die ersten Kostproben ab, zieht die geringfügig spärlicher besetzten Reihen im Knust vom ersten Moment an in ihren Bann. Zu ‘Not a Lovesong’ darf auch KRISTOFER ÅSTRÖM nochmal auf die Bühne, und wieder ist man ganz fasziniert, wie gut die Stimmen der beiden Künstler harmonieren. Das Publikum ist begeistert, und spätestens bei der phänomenalen Zugabe brechen dann alle Dämme: Alle Musiker der “Sit down and sing”-Tour stehen noch einmal gemeinsam an den Mikrofonen und singen Cindy Laupers “Time after Time”. Eine musikalische Sternstunde. Und so wünscht man sich dann auch insgeheim, dass die Musiker nach diesem perfekten Abschluss nicht noch einmal auf die Bühne zurückkehren. Ja, auch dieser Wunsch wird einem an diesem Abend erfüllt…